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Zweigelt - was sonst!?

Verantwortlicher Autor: Herbert J. Hopfgartner Salzburg, 23.01.2019, 13:56 Uhr
Fachartikel: +++ Kunst, Kultur und Musik +++ Bericht 5872x gelesen
Weintrauben im Burgenland
Weintrauben im Burgenland  Bild: privates Foto

Salzburg [ENA] Des Österreichers liebster Rotwein. Ein Mischling. Und ein Rebensaft, der nach einem Botaniker und Züchter benannt ist, der den Wein 1922 quasi erfunden und als „Rotburger“ bezeichnet hat. Die Liebhaber rühmen die Farbe, den Duft nach Beeren und ein Aroma, das nach Weichseln und Kirschen erinnert.

Doch der Reihe nach: Nach dem Grünen Veltliner wird der Zweigelt in Österreich am zweithäufigsten angebaut – vor allem um den Neusiedlersee (Burgenland) und im nieder-österreichischen Weinviertel gedeihen die Reben, die an den jeweiligen Boden geringe Ansprüche stellen und überdies als frostsicher gelten. Über 6500 Hektar, das sind fast annähernd 15 % der gesamten Rebfläche, sind in Österreich mit Weinstöcken dieser Sorte bepflanzt.

Der Zweigelt ist eine Züchtung aus St. Laurent, einem Burgundersämling, und dem Blaufränkischen. Letzterer ist wiederum das Produkt aus der Blauen Zimmettraube und dem wahrscheinlich aus Südosteuropa stammenden weißen Heunisch. Namhafte Önologen leiten die blaue Zimmettraube vom Blauen Gänsfüßer ab, der vermutlich von der iberischen Halbinsel nach Mitteleuropa „eingewandert“ ist. Schon allein darum darf der Zweigelt als ein „echter“ Europäer angesehen werden!

Im Jahre 1975 schlug der österreichische Weinbau-Pionier und Winzer Lenz Moser (1905-1978) vor, den „Rotburger“ nach dessen „Entdecker“, dem Botaniker Friedrich Zweigelt (1888-1964) umzubenennen. Offenbar überlegte sich damals niemand, ob diese Namensänderung überhaupt notwendig und sinnvoll war bzw. fragte man nicht, welche Rolle der Rebenzüchter im Dritten Reich gespielt hatte. Wer war nun dieser Dr. Zweigelt? Im Jahre 1888 in Hitzendorf bei Graz geboren, entdeckt der Schüler schon früh eine Leidenschaft für die Biologie. Waren es anfangs Schmetterlinge, sind es in der Folge die Maikäfer, die sein naturkundliches Interesse entfachen. Erst später entwickelt Fritz Zweigelt eine Neugier für die Aufzucht von Reben…

Schon 1933 tritt Zweigelt aus eigenem Antrieb der NSDAP bei, bereits im Untergrund sympathisiert er mit den Nazis – vielleicht um die Zeichen der Zeit für seinen beruflichen Werdegang zu nutzen. Als der Direktor der Weinbauschule am Stift Klosterneuburg 1938 unfreiwillig in Pension geschickt wird, bringt Zweigelt sich geschickt ins Spiel. „Jetzt gehe ich auf Menschenjagd“, sind sein Worte, als er den Dienst antritt. Und – er setzt die Ankündigung sogleich um: Mehr als 40 Menschen verlieren in den nächsten Wochen ihren Arbeitsplatz an der Schule. Erzählt wird ferner, dass Zweigelt einen Schüler namens J. Bauer, Mitglied der Widerstandsgruppe um den Priester und Augustiner Chorherren Roman Scholz, an die Gestapo verrät.

Scholz wird trotz Gnadengesuchs der Kirche 1944 hingerichtet. Gegen die „die Plutokratie des Westens beherrschenden Juden“ nimmt der neue Direktor eindeutig und mehrmals öffentlich Stellung – von seinen Schülern fordert er zudem, dass sie „als vollwertige Nationalsozialisten hervortreten“ und ein „Rückgrat der Partei und ihrer Arbeit sein müssen.“ Kurz nach dem Krieg verliert Fritz Zweigelt sämtliche Ämter, auch die Dozentur an der damaligen Hochschule für Bodenkultur. Er selbst nimmt übrigens nie Stellung zu seiner politischen Vergangenheit – auch in einer 1964 erscheinenden autobiographischen Rede findet sich nichts zu diesem brisanten Thema. Auch kein Gefühl der Reue.

Gewiss, als Nachgeborener ist es leicht Vergangenes aus der Distanz zu bewerten und ethische Grundsätze einzufordern – Prinzipien, für die man möglicherweise in einer ähnlichen Situation auch nicht einstehen würde. Gleichwohl ist es Pflicht der Historiker ein möglichst authentisches Bild der Geschichte zu zeichnen – ohne Hetze, aber auch ohne blinden Fleck. So ist auch der kürzlich vernommene Aufruf nach einer Umbenennung des Weines zu verstehen. Dass Österreich seinen Lieblingswein weiterhin nach einem bekannten und bekennenden Nationalsozialisten benennt, ist nicht leicht einzusehen.

Freilich, ökonomische Gründe sprechen gegen eine Namensänderung. Die gute Tradition kann und darf man allerdings als Argument für die Beibehaltung wohl nicht anführen, denn es wäre eine Tradition des Vergessens und Verleugnens!

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